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Georg Simmel und Mediation
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(letzte Aktualisierung: 23.02.2006)
Georg Simmel (1858 Berlin - 1918 Straßburg) ist Mitbegründer der Soziologie in Deutschland. Einer seiner interessantesten Artikel behandelt die Soziologie des Streits.

Aus der Vielzahl der Artikel erscheint im Zusammenhang mit Mediation der "Über den Streit" am Relevantesten. Es ist ein Kapitel aus einem vom Simmel's Hauptwerken "Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung", veröffentlicht 1908. Dieses Kapitel ist hier nachzulesen.
Ursprünglich hatte sich Simmel schon 1905 in einer Vorüberlegung mit dem Thema Streit beschäftigt. Die bibliographischen Angaben dazu:
Georg Simmel
Das Ende des Streits
in: Die neue Rundschau, XVI, Jahrgang der freien Bühne, 1. Band (=Heft 6 vom Juni 1905), S. 746-753
Mediation ist weder eine neuzeitliche noch eine amerikanische Erfindung - wer weiss dies nicht. Nicht ganz so verbreitet ist der Umstand, dass die amerikanische Konfliktforschung stark durch Georg Simmel beeinflusst wurde. Insbesondere beschrieb Simmel in seinem 1908 erstmals erschienen Werk "Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung" in dem Kapitel "Die quantitative Bestimmtheit der Gruppe" in nachstehender Passage einen Vermittlungsprozess, der der Mediation ... aber lesen Sie selbst:
"Eine andre Spielart des Mittlertums tritt damit auf, daß der Dritte als Unparteiischer fungiert. Dabei wird er entweder die Einigung der beiden kollidierenden andern zustande bringen, indem er sich auszuschalten und nur zu bewirken sucht, daß die beiden unverbundenen oder entzweiten Parteien sich unmittelbar verbinden; oder er wird als Schiedsrichter auftreten und die einander widerstreitenden Ansprüche jener gleichsam in sich zur Ausgleichung und das Unvereinbare daran zur Ausscheidung bringen. Die Streitigkeiten zwischen Arbeitern und Unternehmern haben besonders in England beide Einungsformen ausgebildet. Wir finden Einigungskammern, in denen die Parteien unter Vorsitz eines Unparteiischen die Zwistigkeiten durch Verhandlungen beseitigen. Gewiß wird der Vermittler in dieser Form der Vereinigung nur zustande bringen, wenn nach dem Glauben jeder Partei das Verhältnis der Feindseligkeitsgründe zu dem Vorteil des Friedens, kurz: wenn die reale Sachlage es schon an und für sich rechtfertigt. Die ungeheure Chance für das Durchdringen dieses Glaubens bei den Parteien, die durch die Vermittlung des Unparteiischen erzeugt wird, setzt sich - abgesehen von der selbstverständlichen Beseitigung von Mißverständnissen, dem guten Zureden usw. - folgendermaßen zusammen. Indem der Unparteiische die Ansprüche und Gründe der einen Partei der andern vorhält, verlieren sie den Ton der subjektiven Leidenschaft, der auf der andern Seite den gleichen hervorzurufen pflegt. Hier zeigt sich heilsam, was so oft bedauerlich ist: daß das Gefühl, das einen seelischen Inhalt innerhalb seines ersten Trägers begleitete, innerhalb eines zweiten, auf den dieser Inhalt übergeht, erheblich abgeschwächt zu werden pflegt. Deshalb sind Empfehlungen und Fürsprachen, die erst mehrere vermittelnde Personen passieren müssen, so oft wirkungslos, selbst wenn ihr objektiver Inhalt ganz unversehrt an die entscheidende Instanz gelangt; es gehen eben bei der Übertragung die gefühlsmäßigen Imponderabilien verloren, die nicht nur unzureichende sachliche Gründe ergänzen, sondern auch zureichende erst mit dem Antriebe zur praktischen Realisierung ausstatten. Diese für die Entwicklung rein seelischer Einflüsse höchst bedeutsame Tatsache bewirkt in dem einfachen Fall eines dritten, vermittelnden sozialen Elementes, daß die Gefühlsbetonungen, die die Forderungen begleiten, plötzlich, weil diese von einer unparteiischen Seite formuliert und dem andern dargestellt werden, von dem Sachgehalt abfallen, und so der für alle Verständigung verhängnisvolle Zirkel vermieden wird: daß die Heftigkeit des einen die des andern hervorruft, diese letztere Tatsache aber rückwirkend die Heftigkeit des ersteren wieder steigert, und so fort, bis es kein Halt mehr gibt. Dazu kommt, daß jede Partei nicht nur Objektiveres hört, sondern sich auch objektiver äußern muß, als bei unmittelbarem Gegenüberstehen. Denn es muß ihr jetzt darauf ankommen, auch den Vermittler für ihren Standpunkt zu gewinnen; was gerade da, wo er nicht Schiedsrichter, sondern nur der Leiter der angebahnten Verständigung ist und sich immer jenseits der eigentlichen Entscheidung halten muß, während der Schiedsrichter schließlich doch definitiv auf eine Seite tritt - was gerade in diesem Fall nur auf Grund der sachlichsten Gründe erhofft werden kann. Innerhalb der soziologischen Technik gibt es nichts, was der Vereinigung streitender Parteien so wirkungsvoll diente, wie ihre Objektivität, d.h. der Versuch, den bloßen Sachgehalt der Beschwerden und Forderungen sprechen zu lassen, - philosophisch gesprochen: den objektiven Geist des Parteistandpunktes - so daß die Personen nur als die irrelevanten Träger desselben erscheinen. Die personale Form, in der objektive Inhalte subjektiv lebendig sind, muß ihre Wärme, ihre Farbigkeit, ihre Gefühlsvertiefung, mit der Schärfe des Antagonismus bezahlen, die sie im Konfliktfalle erzeugt; die Herabstimmung dieses persönliches Tones ist die Bedingung, unter der Verständigung und Vereinigung der Gegner erreichbar ist, und zwar besonders, weil erst so jede Partei wirklich einsieht, worauf die andere bestehen muß. Psychologisch ausgedrückt, handelt es sich um eine Reduktion der willensmäßigen Form des Antagonismus auf die intellektuelle: der Verstand ist allenthalben das Prinzip der Verständigung, auf seinem Boden kann sich zusammenfinden, was sich auf dem des Gefühls und der letzter Willensentscheidungen unversöhnlich abstößt. Die Leistung des Vermittlers ist nun, diese Reduktion herbeizuführen, sie gleichsam in sich darzustellen, oder auch: eine Art Zentralstation zu bilden, die, in welcher Form auch der Streitstoff von einer Seite her hineingelange, ihn nach der anderen nur in objektiver Form abgibt und alles zurückbehält, was darüber hinaus den ohne Vermittlung geführten Streit unnütz zu schüren pflegt."
(zitiert nach der Georg-Simmel-Gesamtausgabe, Bd. 2, Frankfurt am Main 1992, S. 126-128)
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Eine sehr ausführliche elektronische Bibliothek zu den Schriften Georg Simmels ist an der Universität Zürich abrufbar. http://socio.ch/sim/index_sim.htm Erstellt von: Soziologisches Institut der Universität Zürich Rämistrasse 69 8001 Zürich
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Der Suhrkamp-Verlag (Frankfurt aM) gibt zur Zeit die Gesammelten Schriften Georg Simmels heraus. Georg Simmel beim Suhrkamp-Verlag
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